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PresseFebruar

Presseartikel des Schweinfurter Tagblattes vom 22.02.2013 (Verfasserin: Ursula Lux)


ÜCHTELHAUSEN


„Wir haben hier ein ganz anderes Klima“

 

Kerstin Weber zieht eine erste Bilanz zur flexiblen Grundschule


Auf dem Tisch liegt ein Poster. In dem bunten Bild sind mehrere Rechenaufgaben versteckt. Erst- und Zweitklässler beugen sich über das Bild und jeder sucht sich die Aufgabe heraus, die er schon rechnen kann. Da gibt es die, die schon Malnehmen-Aufgaben rechnen können, andere wählen die Plusaufgaben. Das Ungewöhnliche daran ist, dass der Schwierigkeitsgrad der gewählten Rechenaufgabe nicht unbedingt mit der Jahrgangsstufe zu tun haben muss. Da gibt es Erstklässler, die schon im Zahlenraum bis 100 rechnen und Zweitklässler, die sich eher im Bereich bis zwanzig bewegen.

Wir sind in der jahrgangsübergreifenden Klasse der flexiblen Grundschule. Dieser Modellversuch, der „die individuelle kindliche Entwicklung noch stärker berücksichtigen und eine flexible, für das einzelne Kind bestmögliche Bildungsbiografie entwickeln“ will, so das Bayerische Kultusministerium, startete in der Grundschule Üchtelhausen im vergangenen Herbst. Für Rektorin Kerstin Weber bisher ein voller Erfolg. Wobei für sie nicht nur das Lernverhalten der Kinder im Blickpunkt steht.

Ganz anderes Klima

„Wir haben hier ein ganz anderes Klima“, erklärt sie. Die Kinder seien viel rücksichtsvoller, passten aufeinander auf und würden sich helfen. Nach der Pause gebe es weniger Streit. Die Großen wachsen an ihrer Verantwortung, die Kleinen können sich viel abschauen, hat sie beobachtet. Das Miteinander ist einfacher und besser. „Ich hätte nie gedacht, dass man das so merkt“.

Das bestätigt auch Susanne Halbig, Mutter von Elli, die die zweite Klasse besucht. „Elli erzählt oft, dass sie den Kleineren geholfen hat, sie findet es toll, wenn sie die Große ist.“ Auch Susanne Halbig begrüßt eine gewachsene Sozialkompetenz und das selbstständige Arbeiten.

Die Lehrerin trete immer mehr zurück, fungiere eigentlich eher als Moderatorin, bestätigt Kerstin Weber. Den Kindern werde immer mehr Eigenverantwortung auch für ihr Lernen übergeben.

Lerngespräche ersetzten das bisher ausgestellte Zwischenzeugnis und sind eine Wissenschaft für sich (wir berichteten am Freitag auf der Thema-Seite). Am Ende steht dann eine Zielvereinbarung. Die Kinder schätzen sich in einem Fragebogen selbst ein. Die Zweitklässlerin Elli hat den schon „ganz alleine ausgefüllt“. Auch die Lehrerin füllt für jedes Kind einen solchen Fragebogen aus. Diese beiden Fragebögen bilden dann die Grundlage für das Lerngespräch, das zwischen Eltern, Lehrerin und Schülerin stattfindet. Dieses Gespräch erstaunte Susanne Halbig, denn die Lehrerin hat nicht in erster Linie mit ihr, sondern mit ihrer Tochter geredet. Dennoch ist ihre Bilanz durchaus positiv, sie habe so mehr Einblick in den Schulalltag bekommen, erkannte sie.

Nichts Nachteiliges entdeckt

Auch Tanja Then-Walter, selbst Lehrerin im Gymnasium, fand das Gespräch „sehr schön“. Es sei viel aufschlussreicher als eine Zeugnisbeurteilung, und man bekomme mehr Rückmeldungen. Die Mutter einer Erstklässlerin gehörte ursprünglich eher zu den Skeptikerinnen des neuen Schulversuchs, konnte aber bisher „nichts Nachteiliges“ entdecken. Ein bisschen Sorgen hat sie noch, wenn sie an das Ende des Schuljahres denkt, „wenn die Klasse auseinander gerissen wird“. Die Zweitklässler rücken dann in die nächste Jahrgangsstufe vor und die heutigen Erstklässler bekommen neue Klassenkameraden, die Schulanfänger.

Zu den Skeptikern gehörte auch Michael Heß. Er hat sich vor allem im Internet schlau gemacht, bevor seine Tochter Neela eingeschult wurde. Nun aber meint er: „Bis jetzt ist alles positiv gelaufen, Neela gefällt's, sie kommt gut mit, und es wird auf sie eingegangen.“

Anja Heinlein begrüßt vor allem die viele Zeit, die sich die Lehrerin für das Lerngespräch genommen hat. Sie hat aus dem Gespräch auch herausgehört, dass ihre Tochter Lea anderen Kindern etwas gut erklären kann. So schön das ist, ein bisschen Bauchweh hat die Mutter der Zweitklässlerin dabei auch: „Vielleicht bleibt das eigene Lernen auf der Strecke“, fürchtet sie.

Stolz auf Verantwortung

Eine Woche lang führen Kerstin Weber und Monika Endres die je 25 Lerngespräche. Was ihr besonders auffällt ist, dass sich die Kinder ernst genommen fühlen und ihre Eigenverantwortung stolz wahrnehmen. Was der Rektorin noch ein bisschen Sorgen macht ist, dass die neue Chance der flexiblen Grundschule noch nicht wirklich in den Köpfen der Eltern angekommen ist. Je nach Vorwissen und individuellem Lerntempo kann ein Kind die ersten beiden Grundschuljahre in einem Jahr durchlaufen oder sich drei Jahre dafür Zeit nehmen. Die unterschiedliche Verweildauer in der Eingangsstufe wird nicht auf die Pflichtschulzeit angerechnet.

So sei es oft nicht mehr die Frage, ob man ein Kind, weil es noch so verspielt ist, ein Jahr länger im Kindergarten belasse, erklärte Weber, denn es könne sich ja für die ersten beiden Grundschuljahre drei Jahre Zeit lassen. Für die meisten Eltern rieche das aber noch immer nach Sitzenbleiben. Hier sei noch viel Überzeugungsarbeit nötig, weiß die Rektorin.

 
 
geschrieben von: Ursula Lux

Bilder (Schweinfurter Tagblatt):













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